Rhythmus im Kreis – mit Apps zu einem genaueren Musikverständnis

Gisbert Schürig | 10. Oktober 2017

Unsere Vorstellungen von Musik werden nicht nur davon bestimmt, was wir hören, sondern zu einem großen Teil auch durch das, was wir sehen: die Tastatur eines Klavieres, die Punkte und Linien der Notenschrift oder auch die Bewegungen der MusikerInnen bei einem Konzert sind ein wichtiger Teil des Gesamteindrucks.Während die Formen von akustischen Musikinstrumenten in aller Regel stark von den Erfordernissen der Klangerzeugung geprägt sind, sind die visuellen Oberflächen von Musikapps freier gestaltbar und vor allem von Ansprüchen an gute Bedienbarkeit und Übersichtlichkeit geprägt.

Auch die traditionellerweise klare Grenze zwischen Musiknotation – auf einem Blatt Papier – und Instrument, mit dem man die Klänge erzeugt, verschwimmt bei einigen Apps. Gebe ich z. B. bei einer Schlagzeug-App wie dm1 einen Rhythmus ein, so erklingt er nicht nur, sondern ist auch sofort auf der Eingabeoberfläche als ein Muster sichtbar. Hier liegt ein enormes Potential für das bessere Verständnis musikalischer Zusammenhänge, Musiktheorie kann so ganz intuitiv und spielerisch vermittelt werden, ohne einen Umweg über abstrakte Konzepte.

Ein Überblick über verschiedene Apps

Gemeinsam mit meinen Kollegen Julian Quack und Mika Leopold sowie Lehrerin Anke Lautenbach habe ich SchülerInnen einer vierten Klasse der Reinhardswald-Grundschule einen Überblick über die Möglichkeiten musikalischer Apps gegeben. An vier Stationen haben wir den Kindern jeweils eine App vorgestellt.
Unsere Auswahl war davon bestimmt, eine breite Palette an Möglichkeiten vorzustellen ohne aber zu überfordern:

  • Thumbjam ist ein flexibles Melodieinstrument
  • Soundprism eignet sich zum Spielen von Akkorden
  • Borderlands bietet sich an zum Collagieren von Geräuschen
  • Patterning ist eine App zum Gestalten und Kombinieren von Rhythmen

Musikalische Muster

Ich habe den Kindern eine Einführung in Patterning gegeben. Patterning bietet eine große Auswahl an Schlagzeug- und Perkussionsklängen. Diese Klänge lassen sich als Patterns abspielen, also rhythmische Muster, die über Patternings Oberfläche eingegeben werden.

Das Prinzip, musikalische Muster einzugeben, die dann abgespielt werden, ist alles andere als neu. Der Lochstreifen einer Spieluhr funktioniert ganz genau so. Die Abstände der Löcher im Papier bestimmen ihren Rhythmus, die Position auf den Linien entscheiden darüber, welcher Ton gespielt wird.

Im Bereich der elektronischen Musik-Hardware übernimmt diese Aufgabe der sogenannte Sequencer, im Bild der Beatstep von Arturia:

Von links nach rechts gelesen, ergeben die leuchtenden Taster der oberen Reihe den Rhythmus lang-lang-kurz-kurz-lang, man könnte es auch so schreiben: x.x.xxx. oder 2-2-1-1-2.

Viele Apps stellen Rhythmus genau wie Spieluhr und Sequencer als einen Verlauf von links nach rechts dar, hier als Beispiel ein Screenshot aus der Software Garageband mit dem gleichen Rhythmus, zuerst auf einem Ton, dann mit stetig aufsteigender Tonhöhe:

Der Clou bei Patterning: ein Pattern wird hier nicht als Strecke von links nach rechts, sondern als geschlossener Kreis dargestellt.

 

Dies entspricht viel besser der musikalischen Praxis bei Rhythmusinstrumenten in vielen Genres: Wiederholung ist die Regel. Auf das Ende des Patterns folgt in der Kreisform ganz selbstverständlich erneut der Beginn des selben Patterns. Das ist intuitiv bei Techno oder Hiphop, also bei Musiken, die Wiederholung als stilistisches Merkmal deutlich akzentuieren.

Aber auch in der europäischen klassischen Musik gab es das Ostinato, eine fortlaufend unverändert wiederholte Tonfolge. Hier ein Beispiel aus der Musikgeschichte, ein Kanon von Melchior Franck, sinnigerweise im Kreis notiert:

Patterning in der Praxis

Besonders deutlich zeigt sich, wie sinnvoll die kreisförmige Anordnung ist, als ich beobachten kann, wie freudig und spielerisch die Kinder der vierten Klasse mit Patterning umgehen. Der geschlossene Kreis formt einen komplett überschaubaren Rahmen. Gefällt ein Element nicht, lässt es sich sofort ausfindig machen und verändern. Die Orientierung fällt leicht, das macht Lust, selbständig zu probieren und zu erkunden. Nach wenigen einführenden Worten braucht es kaum weitere Hilfestellung von mir, nur ganz gelegentlich kommen Fragen:

„Die Klänge gefallen mir nicht, wie kann ich sie ändern?“
„Wie kann ich den Attack ändern?“ „Dort – wow, woher weißt Du, was Attack ist?“ (Die

Einschwingzeit eines Klanges) „Ich bereite ein Referat über Synthesizer vor“

Ansonsten herrscht konzentriertes Spiel mit den Rhythmen vor. Zunächst das reine Ausprobieren, mit der Zeit immer gezielteres Vorgehen, geleitet vom eigenen Geschmack oder musikalischen Vorbildern. Ist ein Rhythmus fertig, nehmen sich die Kinder den nächsten vor um in einem dritten Schritt beide miteinander zu kombinieren. Motivierende Impulse sind überflüssig, Lernen und Spaß fallen hier zusammen.

 

Vom Probieren zu tieferem Verständnis

Die Kreisform in der Darstellung von Rhythmus ist aber nicht einfach nur eine Erleichterung für kindliches Ausprobieren. Ausgehend von der Kreisform lassen sich Rhythmen als geometrische Objekte beschreiben und es ergeben sich viele neue Perspektiven auf ihre Eigenschaften. In seinem Buch „The Geometry of Musical Rhythm“ erläutert der Informatiker Godfried Toussaint dies auf hochinteressante Weise. Auf der Titelseite ist die Kreisform sichtbar, in Form schwarzer Punkte ist dort ein Rhythmus angegeben, den man genau so auch in Patterning eingeben und sofort hören könnte.

Rhythmen, die als Polygone visualisiert sind finden sich z. B. in der App Concentric Rhythm für iPad. Für PC und Mac bietet die Software Xronomorph viele Möglichkeiten in diese Richtung.

Screenshot Concentric Rhythm

Ein gemeinsamer Nenner zwischen dieser Software, Patterning, aber auch dem Hardware-Sequencer und der Spieluhr ist die Analogie zwischen Zeit und Raum: was weiter voneinander entfernt aussieht, klingt auch zeitlich in größerem Abstand. Im Gegensatz dazu bedient sich das traditionelle Notensystem symbolischer Unterschiede: eine nicht ausgemalte Note (Viertel) klingt doppelt so lang wie eine ausgemalte Note (Halbe). Das hatte sicher gute Gründe, sparte zum Beispiel kostbaren Platz auf dem Notenpapier.

Anschauliche, intuitive Darstellungen und Interfaces sind aber nicht nur bequem, sondern können eben auch zu weitreichenden Erkenntnissen und zum tieferen Verständnis musikalischer Zusammenhänge führen. Es lohnt sich, Musik und ihre Darstellung aus den verschiedensten Blickwinkeln zu betrachten um immer neue Aspekte genauer zu verstehen. In diesem Sinne: fröhliches Spielen!

 



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