Neugierig? Drei Beispiele für entdeckendes Musizieren mit Apps

Deniz | 29. August 2017

Wie kann das Thema experimentelle Musik mit der Verwendung von Apps, die ursprünglich eher für Popmusik programmiert wurden, stimmig realisiert werden? Wie können die beteiligten Kinder spezifische Aspekte elektronischer Musikproduktion im Rahmen eigener Kompositions-Projekte kennenlernen? In diesem Beitrag will ich drei Lösungsansätze aus meiner letzten Appmusik-AG vorstellen.

Erste Appmusik-Entdeckungen an der Kurt-Tucholsky-Grundschule

Im vergangenen Schulhalbjahr ging es in allen app2music-AGs, so auch an der Kurt Tucholsky Grundschule in Moabit, um das Thema Extreme Musik und Extreme in der Musik. Von Anfang an wollte ich passend zum Thema unterschiedliche Improvisations- und Kompositions-Konzepte mit den Teilnehmern erproben, darunter auch teilweise Ideen, die von experimentellen Musikern wie z.B. John Zorn inspiriert sind. Fragestellungen, denen ich u.a. bei der Ideenfindung in der AG-Vorbereitung nachgegangen bin, waren:

  1. Welche Extreme in den Parametern spezifisch elektronischer Musikproduktion sind vermittelbar und was gestalten die teilnehmenden Kinder in eigenen Kompositionen damit?
  2. Wie integriere ich Aspekte des Projekt-Themas „Extreme Musik“ bereits während erster explorativer Phasen mit den Apps?
  3. Auf welche Art und Weise können Apps entgegen ihre ursprünglich vorgesehenen Anwendungsbereiche genutzt werden oder diese erweitern?
  4. Wie realisiere ich improvisatorische oder kompositorische Konzepte am Sinnvollsten mit den Kindern?
  5. Wie funktionieren Ideen und Themen Experimenteller oder Neuer Musik mit AG-Teilnehmern dieses Alters?
  6. Wie können Musikapps mit Multitouch-Steuerungskomponenten in Gruppen-Improvisationen genutzt werden?

Im Folgenden will ich drei Beispiele vorstellen, wie ich vorgegangen bin und zu welchen Ergebnissen die Nachmittags-AGs führten.

 

1) Gemeinsam improvisieren mit der App ThumbJam

Die App ThumbJam bietet eine Spieloberfläche, bei der man mehrere Instrumente übereinander anlegen kann. Ursprünglich ist diese Form der geschichteten Darstellung der Instrumentengriffbretter dafür vorgesehen, parallel Melodien auf verschiedenen Instrumenten spielen zu können. Man kann diese Gegebenheit aber auch für spielerische Bewegungs-Klang-Explorationen nutzen, in dem über verschiedene Klangfarben quer mit dem Finger auf dem Display gewischt wird, wie folgendes Beispiel zeigt.

Die App ThumbJam bietet mit der Möglichkeit unterschiedliche Instrumente in verschiedenen Oktaven und Spannweiten übereinander anzulegen, auch Raum für experimentelle Bewegungs-Klang-Explorationen.

Anfangsimpuls war die Aufgabe: “Jeder sucht sich vier Instrumente aus, die sich bestenfalls deutlich in ihren Klangfarben voneinander unterscheiden.” Daraufhin wählt sie oder er noch verschiedene Skalen sowie sogenannte Spannweiten (SPAN = Spielambitus der Instrumente) und Oktaven für die unterschiedlichen Instrumente. Nun geht es darum, miteinander nach vereinbarten Bewegungsgesten über die verschiedenen Instrumente in ThumbJam zu gleiten. Ein Dirigent wird auserkoren und es werden 4 Spiel-Zeichen (eines für kurze Klangaktionen, eines für aufsteigende Glissando-Bewegungen, eines für fallende Glissando-Bewegungen und eines für Stille bzw. Aktions-Pausen) vereinbart, welche die Thumb-Jammer nun in Bewegungsgesten auf ihren Skalen-Instrumenten umsetzen. Die für die AG-Teilnehmer ungewöhnliche dirigierte Performance-Situation sorgt anfänglich für große Skepsis, bereitet ihnen durch die Möglichkeiten extremer Dynamiksprünge und -verläufe aber auch große Freude. Außerdem beginnen alle, in gespannter Erwartungshaltung aufeinander zu hören und zu warten, bis jeder mit seiner musikalischen Aktion an der Reihe ist.

Die “Game-Pieces” von John Zorn können für dieses Konzept als weitere Inspirationsmöglichkeit und Vorlage für die Erarbeitung von Improvisations-und Spielanweisungen genutzt werden.

 

2) Chaos-Collage mit der VJ-App vidibox

Die ersten Stunden des Halbjahres beginne ich mit so vielen Apps wie möglich, weil ich den Kindern zeigen will, wie unterschiedlich das Musizieren mit Apps ablaufen kann. Gleichzeitig geht es mir dabei darum, die Interessen der Schüler_innen in der Gestaltung des Nachmittagsangebotes aufzugreifen. Dabei erkläre ich in jeder App nur die grundlegenden Funktionen und unterstütze so die Entwicklung von individuellen Spieltechniken.

Einige Instrumente überfordern oder unterfordern die Kids und die Begeisterung verfliegt bei diesen Musikapps schnell. Wildes Wischen über die Bedienelemente beherrscht die anfänglichen Spiel-Szenarien. Zudem ist diese Phase noch davon geprägt, dass kaum jemand wirklich zuhört, was sie oder andere spielen.

Warum also nicht die Kinder bei ihrem eigenen Extrem im Spiel mit den Musikapps abholen und die vorherrschende Tendenz zum Konzept erheben?! Zuviele Informationen (visuelle Eindrücke und unterschiedlichste Klänge) gleichzeitig? Kein Problem!

Konzepte von Maximalismus, Reizüberflutung und Sinnes-Überforderung produzieren eigene Ästhetiken und sind Bestandteile unterschiedlicher Musikgenres, z.B. in der Cutup- und Plunderphonics-Musik eines John Oswalds oder in den Samplecollagen von Negativland.

In der App vidibox nehmen die Kids kurze Samples von Klängen und Videos auf, die sie anschließend live als audiovisuelle Collage improvisieren.

Die Kinder nehmen kurze Videoclips in die App vidibox auf, bevorzugt sich selbst beim Artikulieren von Geräuschen oder Wörtern. Bei der Präsentation geht es anschließend darum, möglichst viele Video/Audio-Samples in kurzer Zeit zu triggern. Dabei fällt auf, dass das visuelle Feedback nicht nur störend in der Rezeption vom abstrahierten Klang sein muss, sondern auch als Anhaltspunkt dienen kann, bestimmte Geräusche und Klänge überhaupt erst wahrzunehmen.

 

3) Extreme Parameter in der Produktion eines Tracks mit GarageBand

Bei den letzten drei AG-Terminen geht es darum ein eigenes Stück zu komponieren. Zentrale Aufgabe ist es dabei, dass die Eigenkomposition in irgendeinem Aspekt eine deutliche Übertreibung beinhalten soll.

Für Rustam ist sofort klar, dass er ganz viele Gitarren und sehr viel Schlagzeug in seinem Stück haben möchte und damit „elektronischen Hardrock“ produzieren will. Ayham geht sein Stück hingegen eher improvisatorisch an.

Rustam rockt!

Shumokh entscheidet sich dafür, etwas mit der thematischen Überschrift „Weltraum“ zu komponieren. Während Rustams Extrem sich sofort in den zahlreichen Gitarren – und Schlagzeugspuren der Projektdatei für alle sichtbar widerspiegelt, überlegt Shumokh nach jeder Spur neu, welches Instrument nun folgen könnte. Nachdem die einzelnen Instrumente eingespielt sind, überlegen wir gemeinsam, wie wir dem schon spacig anmutendem Thema noch mehr Weltraum einverleiben können und die Antwort darauf lautet: wir benötigen Delay und sehr viel Hall. Bei Ayham gesellt sich der extreme Parameter eher zufällig ganz zum Schluss dazu, als er inspiriert von Rustams Arbeitsweise verschiedene Performance-Effekte in GarageBand ausprobiert und mit dem Stutter-Fx eine Zerstückelung seines Rap-Themas erlangt, das dem Stück einen völlig neuen Groove gibt.

Die Felder links und rechts am unteren Rand dienen zur intuitiven Steuerung der Effekte.

 

Nach dem Schneiden und Arrangieren der Performance-FX-Spur ergeben sich wieder neue teilweise stark transformierte Mix-Klänge. Auf diese Weise können die Kinder intuitiv und spielerisch Remixe erstellen oder auf gänzlich neue Songideen kommen, da Klangmanipulation als strukturgebendes Element hier sehr greifbar ist. Wie das mit dem Remix/Performance-Effekten live ungefähr funktioniert, ist oben im Video zu sehen.

 

Die Abschluß-Songs der Kurt-Tucholsky-AG

Die finalen Songs wurden per Mail verschickt und landeten auf unserem app2music-Soundcloud-Account, so dass Ihr sie hier anhören könnt.

 

Fazit:

Die Schüler der Kurt-Tucholsky-Grundschule haben in kurzer Zeit viele unterschiedliche Möglichkeiten des Musizierens mit Musikapps kennengelernt.

Dabei ergänzten die improvisatorischen die kompositorischen Anteilen oft sehr gut.

In den Phasen, wo es um das Komponieren ihrer eigenen Songs ging, arbeiteten die AG-Teilnehmer vermehrt selbstständig. Dabei kam ihnen u.a. die Vorgabe der Übertreibung eines Parameters zugute, da sie durch die Anwendung der Performance-Effekte neue Wege in ihren Stücken erkundeten und inspiriert durch die Arbeit mit Klangtransformationen so nebenbei einige Möglichkeiten elektroakustischen Komponierens bzw. Remixens kennenlernen konnten.

 

 



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