„Layers of Sound“ oder doch nur Blätterteig?

Erik Noack | 6. Juni 2016

Die app2music AG an der Stechlinsee Grundschule läuft bereits seit geraumer Zeit als Team-Teachingprojekt ab. Als frei wählbare Songwriting AG innerhalb des Musikunterrichts findet sie jedoch verpflichtend für die Schüler statt. Die Idee dahinter ist dass die Kinder in Kleingruppen, maximal zu zweit, ihre Kreativität und Ideen größtenteils eigenständig in Songmaterial umsetzen. Die persönlichen kreativen Differenzen zwischen zwei Individuen, die während des Songwritings überbrückt werden müssen treten dabei nochmals deutlicher zu Tage. Auf der anderen Seite arbeiten einige Schüler auch alleine an einem Song, und haben hier bis auf die Unterstützung und Anregungen der AG-leiter größere kreative Freiheiten. Einige der Fragen die jedoch des Öfteren mal aufkommen, sind: Wie soll der Song überhaupt anfangen oder wie geht er weiter wenn erst einmal ein kleiner Teil steht?

Gearbeitet wird mit Garageband. Die Möglichkeit an dem Song sukzessiv zu arbeiten, aber sich auch immer gegenwärtig, die bereits aufgenommenen Parts anhören zu können und Revue passieren zu lassen ist eine der Vorteile dieser App. Das Arbeiten mit Samples aber auch die Möglichkeit fremde Apps als Klangerzeuger aufzunehmen gestaltet die Arbeit noch interessanter. Dies Betrifft nicht nur die eigene Stimme beim Songtext einsingen sondern auch die „nicht virtuellen„ Instrumente, welche die Schüler unter Umständen auch beherrschen und mit in den Songwriting Prozess einfließen lassen können. Klarinette, Saxophon und Trompete sind diesmal dabei und die Symbiose bietet auch interessante Möglichkeiten hinsichtlich der Liveperformance sowie Verformung und Verfremdung der Sounds.

Recrodingsession

Recrodingsession

Wo sind wir gerade?

Eine vorher am Klavier komponierte Akkordfolge wird z.B. in seiner Struktur in „Chordpolypad“ übertragen und schließlich mit anderen Klangerzeugern Kombiniert um anschließend als „neues Instrument“ aufgenommen zu werden. Eine Schwierigkeit, die sonst besteht ist das sensibilisieren für den zeitlichen Ablauf einer Komposition. Die Songstruktur, bestehend aus Strophe, Refrain, Bridge oder andere kuriose Übergänge und Ideen werden durch die Sequenzer-artige Struktur in Garageband oder in jeder anderen DAW entsprechend visualisiert. Um es vereinfacht zu sagen: es läuft von links nach rechts. Hierbei treten beim gemeinsamen Musizieren schon einmal die ersten Schwierigkeiten auf. Wann kommt welcher Teil und warum überhaupt? Macht es Sinn die Abschnitte erst einmal in eine gerade Taktanzahl einzuteilen bevor etwas aufgenommen wird? Die Kinder gehen recht unterschiedlich mit der Möglichkeit um Strukturen für einen Song zu kreieren, um sich zuerst einen Rahmen zu schaffen innerhalb dessen man „kreativ“ sein kann. Umso schwieriger wird es wenn Samples mit eingebaut werden sollen, die rhythmisch oder von der Länge her komplett aus dem Raster fallen

 

 

Der eigene Anspruch

 

Ein weiteres Problem, dass daraus resultiert ist der eigene Anspruch. Gebe ich zu viel vor? Müssen es denn unbedingt gerade Taktzahlen sein? Darf es auch mal schief klingen? Oder hat man sich selbst schon zu sehr daran gewöhnt Musik nach einen bestimmten Schema zu schreiben oder zu entwerfen? Es sind doch nur Methoden oder Handwerkszeug welche ich versuche zu vermitteln! Die Angst dabei besteht auch darin jemanden in seiner/ihrer Kreativität einzuschränken nur weil etwas so klingen soll oder muss weil man es so kennt, gelernt hat oder schlimmer noch, gut findet. Ein persönliches Gefühl, dass dabei manchmal entsteht ist das „Es fehlt noch was!“

Die Idee dahinter ist, wenn man sich das Spurenfeld in Garageband oder in jeder anderen DAW anschaut, vertikal zu denken statt horizontal. Man fokussiert sich nicht nur auf den zeitlichen Ablauf sondern auf das Arrangement. Hierbei besteht die Möglichkeit den Kindern die Idee nahe zu bringen sich „Layers of Sound“ zu kreieren. Was kann noch hinzukommen und welche Instrumente bzw. Spuren laufen gerade alle simultan? Natürlich erfüllen der Drumbeat und die Akkordfolge ihre Funktion, aber auch nur rudimentär. Mit weniger Wertung würde man es vielleicht einfach minimalistisch nennen. Es spricht nix gegen ein wenig Bombast oder epische Klangwelten mit Streichern oder Synthpads oder? Es geht wieder um das Dilemma mit dem Anspruch.

Die Kinder analysieren das entstehende Stück einfach aus einer bestimmten Perspektive. Vielleicht eher intuitiv oder auch emotional und weniger methodisch. Unter Umständen haben andere Aspekte eine weitaus höhere Priorität. Zum Beispiel soll es einfach träumerisch klingen oder sogar „düster“ wie bei dem etwas schnellen, Industrial-artigen Song eines Jungen. Es ist nicht einfach heraus zu finden, dass er mit seiner Gesangsspur nicht zufrieden ist und zwar nicht weil sie schlecht eingesungen ist oder der infernalische Text nicht passt. Mit ca. 11 Jahren ist man halt noch keine voll entwickelte Rockröhre. Von der Idee es mal mit gutturalem Gesang zu versuchen war er jedoch total begeistert. Der vielleicht erste app2music Death Metal Song ist in Entstehung.

 

 

…ist Gitarrist und Songwriter. Maßgeblich beeinflusst ist er durch Heavy-Metal-Musik sowie dem „shredgenre“. Er ist größtenteils Autodidakt mit Weiterbildung an der Jazzschule Berlin und viel Liveerfahrung im Rock und Metalkontext: u. a. durch zahlreiche Festivalauftritte mit der „Maximaltechnogruppe“ Schluck den Druck. Seit April 2015 leitet er an Berliner Grundschulen Appmusik-AGs und ist begeistert von den digitalen und didaktischen Möglichkeiten in Bereich Songwriting und Bandarbeit, was mit Kindern ohne besondere musikalische Vorerfahrungen toll läuft. Soundprism sowie ThumbJam im „cello“-Mode begeistern ihn in Sachen Appmusik ganz besonders.


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